Fragen Sie am 9. Mai jemanden im Wiener Zug, wen das Porträt zeigt, und Sie bekommen die Antwort in einem Satz. „Beide Großväter waren im Krieg. Einer ist am zweiten Kriegstag gefallen, er war neunundzwanzig.“ „Flieger. Ist einundvierzig irgendwo bei Moskau nicht zurückgekommen, wo er liegt, haben wir nie erfahren.“
Aus solchen Sätzen besteht dieser Marsch. Nicht aus Fahnen, nicht aus Militärtechnik und schon gar nicht aus Politik – aus Menschen, in deren Familie jemand ist, der nicht heimgekommen ist. 2026 kamen davon über tausend im Zentrum von Wien zusammen: So hat es die Polizei gezählt.
Was am 9. Mai geschah
Der Zug sammelte sich am Maria-Theresien-Platz und ging über die zentralen Straßen an der Wiener Staatsoper vorbei zum Schwarzenbergplatz – zum Denkmal des sowjetischen Soldaten. Vorneweg fuhren historische Fahrzeuge: ein Motorrad mit Beiwagen und ein Armeejeep, an dessen Kühlergrill die Fähnchen der USA, Großbritanniens und Frankreichs nebeneinander steckten. Quer über die Straße trug man ein großes Georgsband. Beim Denkmal sprachen der russische Botschafter und der Wiener Bischof, danach gab es ein Konzert mit Liedern aus den Kriegsjahren, und später fuhren die Motorradfahrer der „Nachtwölfe“ am Platz vor.
Ein österreichischer Reporter, der an diesem Tag am Platz arbeitete, beschrieb das Geschehen in einem einzigen Satz: Die Feier stand „im Zeichen von Frieden und Versöhnung“. In den Titel seines Videos setzte er die Frage, die man in Österreich laut stellt: Dank oder Provokation? Und statt sie selbst zu beantworten, ging er mit dem Mikrofon zu den Leuten.
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Ohne den 9. Mai 1945 gäbe es den 15. Mai 1955 nicht
Die Antwort, die der Reporter am häufigsten hörte, handelte nicht von Russland. Sie handelte von Österreich.
Zwei Daten hängen in der österreichischen Erinnerung unmittelbar zusammen: der 9. Mai 1945 und der 15. Mai 1955, der Tag des Staatsvertrags. Der Vertrag, der dem Land seine Unabhängigkeit zurückgab, und die immerwährende Neutralität, die zu seiner Grundlage wurde, kamen nur mit Zustimmung der Sowjetunion zustande. Ohne diese Zustimmung kein Vertrag. Ohne Vertrag auch nicht jenes Österreich, in dem wir heute leben, arbeiten und unsere Kinder großziehen.
Teilnehmer des Marsches, Schwarzenbergplatz, 9. Mai 2026Ohne diese Zustimmung gäbe es den Staatsvertrag nicht. Und das verpflichtet Österreich, die Erinnerung warm zu halten und sie von Generation zu Generation weiterzugeben – damit so etwas nie wieder passiert.
Das sagt kein russischer Diplomat und kein Aktivist der Bewegung – das sagt ein Österreicher, der auf einem Wiener Platz steht. Und er fügt sofort das hinzu, weswegen man überhaupt mit Porträts hinausgeht: Im Geschichtsunterricht wird diese Zustimmung lieber gar nicht erwähnt.
Daher rührt auch das Missverständnis, das jedes Jahr in irgendeiner Schlagzeile auftaucht. Eines der Videos über diesen Tag ist als „russische Siegesfeier über Deutschland und Österreich 45“ betitelt – als stünde Österreich hier bei den Besiegten. Erledigt ist das mit einem einzigen Datum: dem 15. Mai 1955. Der Sieg, um den es geht, hat Österreich seinen Staat zurückgegeben und ihn ihm nicht genommen.
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Der Name, der aus der Aufzählung gefallen ist
Das Zweite, was man auf dem Platz ständig hört, ist eine Zahl.
Rund siebenundzwanzig Millionen Menschen aus der damaligen Sowjetunion sind aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückgekehrt. Mehr, als jeder andere Beteiligte verloren hat. Die Schätzungen der Historiker gehen auseinander – zwanzig Millionen, fünfundzwanzig, siebenundzwanzig –, doch die Größenordnung bestreitet niemand. Und trotzdem kommt diese Zahl, wie die Österreicher selbst sagen, heute kaum noch vor.
Teilnehmer des Marsches, Schwarzenbergplatz, 9. Mai 2026Wenn von den Alliierten die Rede ist, werden immer Frankreich, England und Amerika genannt. Dass Russland eines der wichtigsten Glieder dieses Bündnisses war – darüber reden wir nicht.
Und genau darin besteht der ganze Sinn, mit Fotografien auf den Ring zu gehen. Nicht darin, noch einmal jemanden zu besiegen. Nicht darin, in den heutigen Streitfragen jemandem recht zu verschaffen. Sondern darin, dass in der Aufzählung der Alliierten jener Name nicht verloren geht, auf den der größte Teil der Verluste entfiel.
Erinnerung ist etwas Körperliches: Sie hält sich nur, solange man sie laut ausspricht. Wird sie nicht mehr genannt, bleibt nach einer Generation keine Spur von ihr. Am 9. Mai wird sie am Schwarzenbergplatz laut ausgesprochen.
Von der „Schatten-Armee“ – und davon, was tatsächlich zu hören ist
An diesem Tag arbeiteten am Ring nicht nur wohlgesinnte Kameras. Eines der Videos trägt den Titel: „Putins ‚Schatten-Armee‘ bei kremlnahem 9.-Mai-Aufmarsch in Wien“. Einen Kommentar der Autoren gibt es darin allerdings nicht – kein einziges Wort. Es gibt nur das, was das Mikrofon rundherum aufgenommen hat.
Aufgenommen hat es das Lied „Tag des Sieges“, ein dreifaches „Ura“ und eine Stimme von der Bühne, die die Jugend aufruft zu antworten. Das Video widerlegt seinen eigenen Titel binnen weniger Minuten – man muss es sich nur anhören.
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Neben dem Marsch zog wie in den Jahren zuvor eine Gegendemonstration, und zwischen den Zügen stand die Polizei. Daran ist nichts Schlechtes: Wien ist eine Stadt, in der man mit der einen Meinung auf die Straße gehen kann und mit der entgegengesetzten ebenso, und genau dafür stehen die gelben Westen dazwischen. Schlecht wird es dort, wo ein Mensch, der zu seinem Großvater geht, im Vorhinein irgendjemandes Armee zugerechnet wird.
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Erinnerung ist keine Grenze
Einen Satz vom Platz sollte man sich ganz merken: hier einen Strich zu ziehen, jemanden nicht einzuladen, jemanden bei wichtigen historischen Daten nicht mehr mitzunennen – das ist falsch, und dafür ist hier kein Platz.
Im Zug am 9. Mai gehen nicht nur Russen. Es gehen Österreicher, es gehen Belarussen, es geht ein Bulgare, der seine Teilnahme ohne ein einziges politisches Wort erklärt.
Teilnehmer des Marsches, Schwarzenbergplatz, 9. Mai 2026Für mich als Bulgaren und Europäer ist das vor allem ein Symbol der Befreiung von einem Regime, das allen Völkern Krieg, Leid, Not und Gewalt gebracht hat.
Und jenes Land, an das man am 9. Mai denkt, war selbst ein Vielvölkerstaat: Schulter an Schulter kämpften dort Menschen aus Dutzenden Völkern, und die Nachkommen dieser Menschen leben heute in verschiedenen Staaten und auf verschiedenen Seiten der heutigen Auseinandersetzungen. Der Marsch ist wohl die einzige Stunde im Jahr, in der sie wieder dieselbe Straße entlanggehen.
Warum wir wiederkommen
In einem Jahr wird sich der Zug wieder am Maria-Theresien-Platz sammeln, und wieder wird jemand fragen, wozu das gut sein soll.
Dafür, dass siebenundzwanzig Millionen keine Abstraktion sind, sondern siebenundzwanzig Millionen solcher Großväter wie jener, der am zweiten Kriegstag mit neunundzwanzig Jahren fiel. Dafür, dass Österreich seine Unabhängigkeit auch ihnen verdankt und es das Natürlichste ist, was man hier tun kann: ihnen auf einem Wiener Platz Danke zu sagen. Und dafür, dass ein Mensch, der das Foto eines Gefallenen trägt, niemandes Armee zugerechnet werden kann: Er geht für den Seinen.

